Die kinderärztliche Bude brennt

Werbung wegen externer Verlinkungen (unbeauftragt und unbezahlt) / Triggerwarnung: Gewalt an Kindern

 

Die Bude brennt:

Sie brennt zwar nur sprichwörtlich, dafür aber in einigen Regionen lichterloh. Aktuell sind viele Kinder krank und die medizinische Versorgung in den Kinderkliniken und kinderärztlichen Praxen kommt an ihre Grenzen. Und ich nehme mal vorweg: es kommt nicht ganz unerwartet!

In Anbetracht der Pandemie könnte man meinen, dass es an Covid-19 liegt. Doch im kinderärztlichen Bereich zeigt uns derzeit ein ganz anderes Virus die Lücken im System auf: das RS-Virus. Wobei Covid-19 die Situation natürlich nicht besser macht, sondern erschwerend hinzukommt. Über RSV hatte ich schon im vorletzten Beitrag geschrieben (siehe hier). Ich hatte sowohl in dem Blog-Beitrag, als auch auf Instagram mehrfach auf das Thema hingewiesen (siehe hier und hier), die besondere Gefährdung bestimmter Risikopatienten erwähnt und erklärt, warum wir in diesem Jahr eine besonders problematische Infektsaison bei Kindern haben bzw. haben werden.

Das RS-Virus wirkt gerade, ähnlich wie Covid-19: wie ein Brennglas für gesellschaftliche Missstände. Es zeigt uns vor allem die Missstände in der medizinischen Versorgung von Kindern auf. Aber auch die allgemeine Situation von Kindern in unserem Land sieht an vielen entscheidenden Stellen miserabel aus. Auf die gehe ich am Ende des Beitrages noch ein.

Doch schauen wir uns zunächst die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen an:

 

  • Medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen:

Was ist, wenn Kinder / Jugendliche krank werden? An sich sind die Möglichkeiten zur medizinischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen bei uns doch sehr gut. Wir haben einen hohen medizinischen Standard, viel Fachwissen, gute Medizinprodukte. Doch was ist dann das Problem? Gibt es überhaupt ein Problem? Ja, gibt es! Und zwar gravierende!

 

Im niedergelassenen Bereich:

Wir haben in vielen Regionen Deutschlands, vor allem im ländlichen Bereich, einen Mangel an Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendmedizin. Aber auch in Großstädten gibt es mittlerweile in vielen kinderärztlichen Praxen einen Aufnahmestopp. Nicht etwa, weil die Kolleg:innen nicht motiviert wären. Nein an der Motivation liegt es nicht. Eher daran, dass sie schlichtweg am Limit sind. Zu viele Patient:innen kommen auf zu wenig niedergelassene Kinderärzt:innen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sieht die Kinder- und Jugendmedizin in Deutschland in großer Gefahr. „Aufgrund des z.T. hohen finanziellen Risikos bei einer Niederlassung und der überbordenden Bürokratie werde es für Kinder- und Jugendarztpraxen zunehmend schwerer, Nachfolger zu finden“, sagte Verbandspräsident Thomas Fischbach der Deutschen Presse-Agentur (siehe hier).

 

Doch nicht nur das finanzielle Risiko beim Kauf einer Praxis (die -je nach Größe, Lage und Ausstattung- oftmals den Wert eines Einfamilienhauses hat) und die Bürokratie machen es schwer, Nachfolger zu finden. Auch die folgenden Gründe könnten eine Rolle spielen. Und ich bin der Meinung, wir sollten darüber sprechen. Praktischerweise habe ich keine Praxis, so dass ich sie aufzählen kann, ohne dass man mir vorwerfen könnte, ich würde daraus einen Nutzen schlagen oder auf „hohem Niveau“ jammern wollen. Allerdings möchte ich dazu sagen: auch wenn die folgenden Punkte real sind, spiegeln sie lediglich meine persönliche Wahrnehmung/Meinung wider. Ich spreche nur für mich.

 

– Am Limit!

Derzeit behandeln einige Kinderarzt-Praxen bis zu 100 Patient:innen; TÄGLICH! Und dabei geht es nicht nur darum, jedem Patienten freundlich und empathisch zu begegnen, sondern auch zu erkennen, ob unter den vielen -eh schon ziemlich kranken- Kindern nicht eins dabei ist, das nicht „nur“ einen blöden Infekt der oberen Atemwege hat, sondern bspw. eine lebensbedrohliche Meningokokken-Infektion o.ä.

 

– Kleines Rechenbeispiel:

8 Stunden Arbeitstag = 480 Minuten : 100 Patienten = 4,8 Minuten pro Patient.

Die 4,8 Minuten beinhalten: Fragen zur Krankengeschichte, Untersuchung des Kindes, ggf mit Labor/Abstrich-Entnahme, Beratung der Eltern, Verordnung der Therapie, Dokumentation im PC, Eingabe der Abrechnungsziffern.

 

– Kurze Anmerkung zur Abrechnung:

Ohne Eingabe der richtigen Ziffer bekommt der Arzt übrigens kein Geld. Und selbst mit Eingabe der richtigen Ziffer kann er eine Regressforderung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) erhalten. Diese kommt nicht selten erst viele Jahre später. Darin erfährt der Arzt dann z.B., dass das Medikament X für das Budget zu teuer war und nicht hätte verordnet werden dürfen; auch wenn es für den Patienten richtig war und der Arzt die Leistung am Patienten erbracht hat. Und auch wenn er mehr gearbeitet hat (weil mehr Bedarf war und ihn mehr Patienten aufgesucht haben), er aber dadurch das ihm zustehende Budget überschritten hat, muss er das abgerechnete Geld zurückzahlen. Auch wenn er die Leistung erbracht hat und den Patienten nicht hätte abweisen wollen/können. Das gleiche kann ihm auch bei bestimmten Verordnungen passieren.

Entweder zahlt der Arzt dann die Summe X, die das Medikament für den Patienten gekostet hat, zurück, oder er setzt ein Schreiben an die KV auf, in dem er das Vorgehen rechtfertigt. Erfolgsaussichten unklar. Klar jedoch: jede Minute, die er sich damit beschäftigt, fehlt entweder am Patienten, an der eigenen Pause, dem Feierabend, an was auch immer. Meist geht es zu Lasten der Pause, des Feierabends oder eben der Abrechnungsziffer.

 

– Vergütung:

Die Vergütung, die eine GKV-Pauschale zwischen 30 und 40 € pro Kind pro Quartal (also für 3 Monate = ca 10-15 € pro Monat! Davon müssen die Gehälter des Personals, die Miete/Kredit für die Praxis, die Nebenkosten etc. bezahlt werden) beinhaltet, mag in dem Zusammenhang auch eine Rolle spielen. Sie ist regional unterschiedlich und hängt auch vom Alter des Kindes ab. Aber wir bewegen uns durchschnittlich in dem o.g. Bereich.

Ich erwähne es übrigens nur, damit ihr eine Vorstellung davon bekommt, welchen konkreten Wert die ambulante Versorgung von Kindern in unserem Gesundheitssystem hat. Ich tue es nicht, um auf „hohem ärztlichem Niveau“ zu jammern. Sondern weil es mich menschlich ärgert und meinen Berufsstand betrifft. Und weil ich euch einen kleinen Einblick hinter die Kulissen unseres „Gesundheits“-Systems gewähren und aufzeigen möchte, dass die Sorgen des Berufsverbandes (siehe oben) nicht ganz unbegründet sind.

Und wer meint, dass dies ja nur den ambulanten Bereich betreffen würde, der darf gerne noch einen Blick in die Kinderkliniken werfen:

 

Im stationären Bereich:

Wir haben in Deutschland zwar gute Kinderkliniken, medizinische Versorgungszentren, Kureinrichtungen. ABER: wie stoßen in diesem Bereich auf gleich mehrere Probleme.

Zum einen dehnt sich das Problem fehlender Kinderärzte zunehmend auch auf Fachkliniken aus. Denn auch hier ist die Arbeitsbelastung und die Verantwortung extrem hoch. Die Zeit, die dem Arzt für den einzelnen Patienten zu Verfügung steht, jedoch sehr gering. Hinzu kommen im stationären Bereich jedoch noch zwei weitere gravierende Probleme: den Kinderkliniken in Deutschland fehlt sowohl Geld als auch Pflegepersonal. Das liegt unter anderem daran, dass es für jede stationäre Behandlung eine Fallpauschale gibt. Dabei wird ein erhöhter pflegerischer und zeitlicher Aufwand bei Kindern nicht berücksichtigt. Die Folge ist, dass allein mit den Pauschalen die Kosten nicht gedeckt werden können und mittlerweile fast alle Kinderkliniken in Deutschland rote Zahlen schreiben. Trotz steigender Behandlungszahlen wurden daher in den letzten Jahren/Jahrzehnten viele Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin geschlossen. Ein, wie ich finde, fataler Zustand.

Darüber hinaus haben wir durch den Mangel an Pflegekräften einen weiteren Engpass. Auf vielen Kinder-Intensivstationen bspw. können Patientenbetten nicht belegt werden, weil das Personal fehlt, um die Kinder zu betreuen (siehe z.B. hier). Schwerstkranke Kinder finden somit keine Behandlung bzw. können nicht wohnortnah betreut werden. Unglaublich, dass diese Situation politisch hingenommen wird. Vielleicht deshalb, weil wir alle nicht laut genug schreien. Weil wir uns gerade im medizinischen Bereich moralisch und ethisch verpflichtet fühlen, weiter zu machen und nicht zu meckern. Aber wenn dies zur Folge hat, dass die Dramatik der Lage ignoriert wird, kann dies nicht der richtige Weg sein.

Mal abgesehen davon, dass durch diese Bedingungen die Belastungen für das noch tätige Personal immer höher werden. Ein Teufelskreis, der nur mit maximaler politischer Anstrengungsbereitschaft unterbrochen werden kann. Neue Regierung, neues Glück? Fraglich. Aber die Hoffnung stirbt bekanntermaßen zuletzt.

 

Aktuelle medizinische Situation:

Die aktuelle Infektlage führt in vielen Regionen Deutschlands derzeit zu einer fatalen Verkettung der oben genannten Umstände: viele Kinder sind krank. Viele davon so schwer, dass sie stationär behandelt werden müssen. Doch aufgrund von Personal- und somit Bettenmangel können viele von ihnen nicht wohnortnah behandelt werden, sondern müssen -auf der Suche nach einem freien Bett- viele Kilometer weit gefahren werden. Die, die nicht ins Krankenhaus müssen, werden ambulant behandelt und sind teilweise mit einem Aufnahmestopp in der Praxis konfrontiert. Und dann? Ja, was dann? Natürlich sind wir als Ärzte auch dann moralisch verpflichtet, zu helfen, wenn die Bude brennt. Mit der Folge, dass die Wartezeit immer länger und die Zeit am Patienten immer kürzer wird.

Und dabei hat die eigentliche Infektsaison gerade erst begonnen….

Wie sich die Lockerung der Corona-Maßnahmen, der regionale Wegfall der Maskenpflicht im Unterricht auf die Covid-19-Zahlen bei Kindern und Jugendlichen und somit auch auf die medizinische Versorgung der anderen viralen Infekte (RSV, Influenza und Co) in diesem Jahr auswirken werden, wird sich zeigen. Ich persönlich ahne nichts Gutes.

 

Und nein, der Text hört an dieser Stelle nicht auf. Denn auch die allgemeine Situation von Kindern in unserer Gesellschaft sieht düster aus. An vielen Punkten übrigens. Somit sehe ich nicht nur die kinderärztliche Bude brennen, sondern sehe sowohl als Mutter als auch als Kinderärztin gravierende Lücken bei der allgemeinen Versorgung unsere Kinder!

 

  • Kinder in unserer Gesellschaft:

Kinder sind großartig! Sie sind das Wertvollste, was wir haben.

Kinder sind unsere Zukunft.

Und das sind sie nicht nur in den Augen ihrer Eltern und Familien. Sie sind auch für diejenigen wichtig, die keine Kinder haben. Auch für diejenigen, denen die Belange von Kindern vielleicht gar nicht so wichtig sind. Denn die Kinder von heute werden die Handwerker:innen, Bäcker:innen, Zahnarzthelfer:innen, Physiotherapeut:innen, Altenpflegeri:innen von morgen sein. Sie werden unsere Renten zahlen (sofern es Renten dann noch geben wird).

 

Kinder willkommen?

In welchen Cafes, Restaurants, öffentlichen Einrichtungen sind Kinder willkommen? Wirklich willkommen?

Wo dürfen Kinder Kinder sein? Ausgelassen toben, spielen, lachen, sich lauthals des Lebens erfreuen?

Wo setzen wir als Gesellschaft ein ganz klares Zeichen FÜR Kinder? Wie setzen wir uns für ihre Rechte ein? Wo stehen überhaupt ihre Rechte? Haben sie überhaupt welche? Im Grundgesetzt stehen sie jedenfalls nicht. Warum nicht?

Justizministerin Lambrecht verkündete erst im Juni des Jahres, dass man die historische Chance, die Kinderrechte als sichtbares Leitbild in unserem Grundgesetz zu verankern, vertan habe (siehe hier). Warum?

 

Kinderrechte?

Schließlich findet man in der UN-Kinderrechtskonvention von 1959 diesen schönen und aus meiner Sicht absolut gerechtfertigten Satz:

„Die Menschheit schuldet den Kindern das Beste, was sie zu geben hat“?

 

Doch ist es wirklich das Beste ist, das wir ihnen geben?

 

Beschriftete Kinderhände, Kinderrechte

 

Fangen wir ganz am Anfang an:

Geburt:

Ein Kind steht kurz davor, in diese Welt hineingeboren zu werden. Doch das ist gar nicht so einfach. Weder für die Mutter noch für das Kind. Vor allem ist es nicht einfach, wenn man diesen Weg ins Leben ohne eine Hebamme bestreiten muss. Denn eine Hebamme zu finden, ist in manchen Regionen gar nicht so leicht. Eine Studie aus dem Jahr 2020 (IGES Institut, siehe hier) bestätigt, dass es in Geburtskliniken, v.a. in den Großstädten, stellenweise erhebliche Versorgungsengpässe bei der Betreuung von Gebärenden gibt. Zudem denken viele Geburtshelferinnen im klinischen Bereich -aufgrund der hohen Arbeitsbelastung- über einen Berufsausstieg nach. Doch auch freiberuflich tätige Hebammen haben ein Problem: die immens hohen Berufshaftpflichtprämien, da sich die Versicherungsprämie im Laufe der letzten 20 Jahren mehr als verzehnfacht hat. Inzwischen muss eine Hebamme, die freiberuflich Geburtshilfe anbietet, 10462,20 € zahlen.

Nun gut. Das Gebären von Kindern mag in den Augen mancher Menschen doch nicht so schwer sein; schließlich werden Kinder auch unter schwierigen Umständen geboren. Ja, aber viele von ihnen sterben dabei. Und ihre Mütter oftmals mit. Denn auch wenn die oben erwähnte Studie des Bundesgesundheitsministeriums zu dem Ergebnis kam, dass in Deutschland flächendeckend keine Überlastungssituation festzustellen sei, hat der aktuelle Bericht der Vereinten Nationen weltweit einen Mangel an 900.000 Hebammen festgestellt. Durch COVID-19 wurde die Situation weiter verschärft. Die Folgen sind tragisch; für Mütter und Kinder. Laut UN-Bericht könnten durch eine weltweite, flächendeckende Versorgung rund 64 Prozent der Todesfälle bei Neugeborenen und 65 Prozent der Totgeburten ver­hindert werden. Damit könnten im Jahr 4,3 Millionen Menschenleben gerettet werden (!) (siehe hier).

Gehen wir zum nächsten Punkt, bei dem unsere Gesellschaft zeigt, wieviel uns die Kinder wert sind.

 

KiTa`s:

Gehen wir in die KiTa`s und schauen uns dort um. Was sehen wir: Wartelisten für KiTa-Plätze, die so lang sind, wie die Liste der Stellenausschreibungen für Erzieher:innen. Auch hier ein Mangel. In Zahlen ausgedrückt sieht er so aus: Laut Berechnungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) fehlen in Deutschland 342.300 Plätze für unter Dreijährige in Tagesstätten oder in der Tagespflege (siehe hier). Der Kita-Ausbau hält auch sieben Jahre nach Einführung des Rechtsanspruchs für Kinder ab einem Jahr mit der gesellschaftlichen Realität nicht mit. Und warum diese Berechnung von einem Wirtschaftsinstitut durchgeführt wurde? Weil der Mangel an Kita-Plätzen für die Wirtschaft auf Dauer zum Problem werden wird (also für uns alle und somit auch für diejenigen, die keine Kinder haben).

Aber KiTa´s sind vielleicht nur eine „Randerscheinung“. Gehen wir daher noch einen Schritt weiter und schauen uns in den Schulen um.

 

Schulen:

Was sehen wir hier? So, wie übrigens vielerorts auch in den KiTa`s: veraltete Gebäude, Toiletten, die in einem Zustand sind, in dem die Kinder ihr Grundbedürfnis eher verdrängen, als die Toilette zu nutzen (übrigens ein häufiger Grund für eine Obstipation (Verstopfung) im Schulalter). Wir sehen auch hier einen Mangel an Lehrkräften. Laut einem Bericht des Deutschen Schulportals bleibe der massive Lehrermangel weiterhin eines der größten Probleme im Bildungssystem und kaum ein Bundesland sei davon ausgenommen (siehe hier). Tausende unbesetzte Stellen sollen mit dem Einsatz von Lehramtsstudent:innen oder Quereinsteiger:innen aus anderen Berufsrichtungen kompensiert werden. Darüber hinaus gibt es an vielen Schulen einen Mangel an Grundausstattung, einen Mangel an Lüftungsfiltern, vor allem aber einen politischen Mangel zur Bereitschaft für Änderung/Erneuerung/Digitalisierung, einen Mangel an Allem!

Ein Mangel übrigens, der nicht erst in der Pandemie offensichtlich wurde, sich in ihr jedoch maximal verschärft hat. Und nun, nach 1,5 Jahren Pandemie gehen wir erneut ohne Konzept in das Winterhalbjahr. Statt eines gut durchdachten und während der letzten 1,5 Jahre (eigentlich genug Zeit!) eingeübten Hybrid-Unterrichtes, an dem auch erkältete, jedoch nicht bettlägerig erkrankte Lehrer.innen und Schüler:innen teilnehmen könnten, haben wir bald vermutlich die gleiche Situation, wie im letzten Jahr: Kinder, die mit Decken im Unterricht sitzen, bzw. zu Hause bleiben sollen, weil sie selbst oder die Lehrkraft erkältet sind. Eine Lockdown soll es nicht mehr geben. Er wird dann vermutlich Infektdown heißen.

 

Nun gut, das mögen die äußeren Rahmenbedingungen sein. Wie sieht es denn mit dem Kinder- und Jugendschutz aus?

 

Schutz unserer Kinder:

Dem Schutz vor körperlicher, seelischer und / oder sexualisierter Gewalt gegen Kinder. Wie gehen wir gesellschaftlich mit diesen Themen und mit Straftätern um, die Kinder bedrohen, misshandeln oder missbrauchen?

ACHTUNG, die Zahlen sind erschreckend und die Dunkelziffer noch viel höher!

Bei der Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2020 gab BKA-Präsident Holger Münch in einer Mitteilung folgende Zahlen bekannt:

  • Die Zahl angezeigter Missbrauchsfälle ist 2020 gegenüber 2019 um rund 1000 Fälle gestiegen; auf insgesamt 16.921 Fälle. Damit setze sich der Trend aus den Vorjahren fort.
  • Auch die Zahl der Tötungen von Kindern sei im vergangenen Jahr gegenüber 2019 ebenfalls deutlich gestiegen; insgesamt gab es 152 Fälle. 115 Opfer waren jünger als sechs Jahre.
  • Bei der Zahl der Misshandlungen von Kindern, also körperliche und psychische Gewalt ohne sexuelles Motiv, gab es einen Anstieg um zehn Prozent auf knapp 5000 Fälle.

Wie gesagt: die Dunkelziffer dürfte noch viel höher liegen; zumal während des Lockdowns kaum eine „Kontrolle“ von außen (z.B. in KiTa oder Schule) erfolgen konnte.

Was die Strafverfolgung anbelangt: auch hier gibt es einen Personalmangel. Außerdem würden Ermittlungen häufig ins Leere laufen, weil auf entsprechende Daten nicht zugegriffen werden könne. Laut BKA-Präsident ließe sich dies nur mit einer massiven Personalaufstockung bei Behörden und Polizei und unter der Voraussetzung, dass der Datenschutz dem Kinderschutz nicht im Wege stehen dürfe, ändern. Über die Strafen, die verhängt werden, falls es doch zu einer Überführung des Täters kommt, brauchen wir in meinen Augen erst gar nicht zu sprechen. Da fallen steuerliche Delikte weitaus härter aus.

 

Kinderarmut:

Laut einem Bericht der Bertelsmannstiftung überschattet in Deutschland Armut den Alltag von mehr als einem Fünftel aller Kinder! Das sind 21,3 Prozent bzw. 2,8 Mio. Kinder und Jugendliche unter 18, die oft viele Jahre ihrer Kindheit von Armut bedroht sind. Damit verbunden sind erhebliche Folgen für das Aufwachsen, das Wohlbefinden, die Bildung und die Zukunftschancen der Kinder.

 

Lebensmittelindustrie:

Schauen wir uns an, was die Lebensmittelindustrie für unsere Kinder bereithält: extra Kinderprodukte. Klingt gut. Auf den ersten Blick. Aber schauen wir genauer hin, werden vielen Kindern genau diese Produkte zum Verhängnis. Warum? Weil sie gut schmecken sollen. Weil sie dafür entweder besonders süß oder besonders fettig oder am besten beides sind. Und damit Kinder genau diese Produkte gut finden, werden immense Werbemittel aufgebracht, um die volle Aufmerksamkeit der Kinder darauf zu lenken. Eine Studie der Universität Hamburg (siehe hier) ergab, dass Kinder über 15 Mal am Tag von der Industrie dazu animiert werden, mehr Zucker, Salz und Fett zu essen.

Gezieltes Marketing für ungesunde Lebensmittel für Kinder:

Darüber hinaus erfolgt Werbung für Ungesundes im Kindermarketing ganz gezielt, z.B. über Influencer (in den sozialen Medien zu zwei Dritteln über sie) oder durch z.B. Sportidole. Dabei werden, nicht nur im Rahmen von sportlichen Großveranstaltungen, wie zB EM/WM, ungesunde Lebensmittel durch Spitzensportler beworben (auch wenn sie selbst die angepriesenen Produkte sicher nicht konsumieren). Eine der Folgen: jedes sechste Kind in Deutschland ist übergewichtig. Tendenz steigend. Therapeutische Adipositas-Angebote für betroffene Kinder jedoch… genau: Mangelware.

Mögliche Lösungen politisch scheinbar nicht gewollt:

Man könnte einige dieser Probleme ohne großen Aufwand lösen. Indem man z.B. das Kindermarketing für ungesunde Produkte unterbindet, was in vielen anderen Ländern bereits Standard ist. Auch die Anreize für den Kauf gesunder Lebensmittel könnten besser / sinnvoller sein, statt sie zu einem „Luxusgut“ zu machen. Oder eine einfach verständliche Kennzeichnung von gesunden versus ungesunden Lebensmitteln einführen, statt Nährwertangaben zu machen, deren Einordnung einer wissenschaftlichen Studie gleichkommt. Man könnte Getränke, die einen hohen Zuckeranteil haben, mit einer höheren Steuer (für die Firmen!) versehen. Durch die sog. Zuckersteuer gelang es bspw. in Großbritannien (GB) den Zuckergehalt in Softdrinks binnen zwei Jahren, um durchschnittlich 34 Prozent zu senken. Was übrigens auch zur Folge hat, dass Softgetränke der gleichen Marke in GB einen deutlich geringeren Zuckeranteil haben, als die gleichen Getränke in D (siehe hier). Alles mögliche Lösungen.

Aber: die Politik möchte diese Lösungen offensichtlich nicht. Oder: die Lobby der Lebensmittelindustrie hat eine größere Priorität, als die Gesundheit unserer Kinder.

Die Aussichten für die Zukunft: düster. Vor allem dann, wenn die Politik die Lebensmittelindustrie nicht in die längst überfällige Pflicht nimmt.

 

Wir müssen dringend über all diese Missstände sprechen und vor allem handeln. Besser gestern als heute!

 

Appell:

Ich hoffe inständig, dass sich die politisch Verantwortlichen und auch wir alle, als Teil der Gesellschaft, bewusst werden und daran erinnern, dass:

Kinder ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft sind und auch so behandelt und wahrgenommen werden sollten; in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

Sie die schwächsten und wehrlosesten in unserer Gesellschaft sind.

Ihre Bedürfnisse daher im Fokus all unserer Anstrengungen stehen sollten. Jetzt und in Zukunft!

 

Bitte verzeiht den undiplomatischen und pessimistischen Charakter dieses Beitrages. Er ist entgegen meiner sonstigen Art und Schreibweise.

Aber manchmal ist es an der Zeit, Klartext zu reden. Jetzt zum Beispiel.

 

Bleibt gesund und munter und kommt gut durch die anstrengende Zeit. Wertschätzt eure Gesundheit und ärgert euch nicht, wenn es beim Arzt / der Ärztin eures Vertrauens derzeit etwas länger dauert. Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit daran liegen, dass er / sie viele kleine und große Patient:innen zu betreuen hat und versucht, allen gerecht zu werden.

 

Alles Liebe

eure

Snjezi

 

 

 

 

 

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Posted on 4. February 2021

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