Wachstum im Kindes- und Jugendalter

Bezahlte Werbepartnerschaft: dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Novo Nordisk

 

Kinder sind GROSSartig

Kinder sind einzigartig, wundervoll, einfach toll. Sie bereichern unser Leben auf wundersame Weise. Sie verzaubern uns mit ihrem Wesen und lassen uns staunen über die großen und kleinen Wunder des Alltags. Kinder zeigen uns tagtäglich, dass wahre Größe von Innen kommt und sich nicht in Zentimetern bestimmen lässt. Auch wenn Kinder in unserer Gesellschaft die Kleinsten sind, so sind sie in meinen Augen GROSSartig!

Kinder auf ihrem Weg begleiten zu dürfen und gesund aufwachsen zu sehen, ist sicher eines der schönsten Geschenke für alle Eltern, Großeltern, Wegbegleiter und auch für uns Kinderärzt:innen. Doch nicht immer verläuft das Wachstum entsprechend der familiären und/oder gesellschaftlichen Erwartungen und ist in diesen Fällen meist mit einem Leidensdruck verbunden.

Welche Aspekte für ein gesundes Längenwachstum wichtig sind, welche Ursachen ein vermindertes Wachstum haben kann und was ihr tun könnt bzw. beachten solltet, wenn ihr euch Sorgen um das Wachstum eures Kindes macht, erfahrt ihr im folgenden Beitrag.

Auch auf der Seite www.gesundgroßwerden.com (https://www.morethanheight.com/) findet ihr viele wichtige und hilfreiche Informationen.

 

Körpergröße und gesellschaftliche Normen:

Kinder machen die Welt bunt und erinnern uns daran, dass Vielfalt ein Geschenk ist. Denn gerade durch diese Vielfalt ist jeder Mensch auf dieser Welt einzigartig und besonders. Doch die Einzigartigkeit und das Selbstwertgefühl von Kindern und Jugendlichen leiden oftmals unter den gesellschaftlich geprägten Normen und Idealmaßen, die ihnen bspw. von der Modewelt vermittelt werden.

 

Körpergröße im Wandel der Zeit:

– Geschichtlich:

Dabei gibt es, vor allem in Bezug auf die Körpergröße, kulturelle Unterschiede und auch einen deutlichen Wandel über die Zeit. So ist bspw. die Durchschnittsgröße in Deutschland innerhalb der letzten 100-120 Jahre stetig gestiegen, was auf eine bessere Ernährung und gesundheitliche Versorgung zurückzuführen ist. Dieser Trend zeigt den medizinisch wichtigen Zusammenhang zwischen Wachstum und gesundheitlichem Zustand sehr gut an.

– Altersabhängig:

Auch der individuelle Wachstumsverlauf eines Kindes verläuft altersabhängig.

 

Altersabhängiger Wachstumsverlauf:

Rasanter Start: Von winzig-klein auf durchschnittlich 50 cm in neun Monaten: Zu keinem anderen Zeitpunkt des Lebens verläuft das Wachstum so rasant, wie in den neun Monaten der Schwangerschaft.

Doch auch im ersten Lebensjahr wachsen Säuglinge noch sehr schnell. Im Kleinkind- und Schulalter nimmt die Wachstumsgeschwindigkeit allmählich ab und erfährt dann, unter dem Einfluss der Sexualhormone, einen erneuten Wachstumsschub in der Pubertät.

Zur groben Abschätzung kann man sich an der sog. Fünferregel (= rule of fives) orientieren, die den altersabhängigen Größenzuwachs beschreibt.

Größenzuwachs pro Jahr ungefähr:

  • 25 cm im 1. Lebensjahr
  • 10 cm pro Jahr im Alter von 1-4 Jahren
  • 5 cm pro Jahr ab dem Alter von 4 Jahren bis zur Pubertät

Schätzungsweise erfolgt ca. 80 % des kindlichen Wachstums vor der Pubertät. Mit Beginn der Pubertät kommt es zu einem pubertären Wachstumsschub, mit dem normalerweise die endgültige Erwachsenengröße erreicht wird. Mehr dazu siehe hier.

 

Das Wachstum: ein vielschichtiger Prozess

Das kindliche Wachstum ist ein vielschichtiger Prozess, der von vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst wird. Dabei spielen körperliche, psychische, genetische und kulturelle Faktoren eine ebenso wichtige Rolle, wie die Ernährungssituation und die allgemeinen Lebensumstände, in denen ein Kind aufwächst. Die Beurteilung des kindlichen Längenwachstums ist daher ein wesentlicher Bestandteil der kinderärztlichen Arbeit. Und auch ein zentraler Aspekt bei den Vorsorgeuntersuchungen im Kindes- und Jugendalter.

Das Wachstum ist ein wichtiger Teil der kindlichen Entwicklung und vom gesundheitlichen Zustand des Kindes abhängig.

 

Faktoren, die das Wachstum beeinflussen:

 

Grafik mit Faktoren, die das Wachstum beeinflussen

Nach Kruse et al., einem von mir sehr geschätzten und leider viel zu früh verstorbenem Experten auf diesem Gebiet, unter dessen damaliger Klinik- und Bereichsleitung ich sehr viel gelernt habe.

 

Genetische Faktoren:

Genetische Faktoren bestimmen maßgeblich, wie groß ein Kind werden kann. Daher spielt die Größe der Eltern bei der Beurteilung des kindlichen Wachstums eine wichtige Rolle. Mit Hilfe einer einfachen Formel kann aus der Größe der Eltern die mittlere Elterngröße und daraus die zu erwartende Zielgröße des Kindes berechnet werden.

Mittlere Elterngröße = (Größe des Vaters in cm + Größe der Mutter in cm) : 2

 

Genetische Zielgröße:

Für Jungen: mittlere Elterngröße +6,5 cm

Für Mädchen: mittlere Elterngröße –6,5 cm

 

Genetischer Zielgrößenbereich:

Trägt man die genetische Zielgröße auf der Perzentilenkurve ein und geht von dem Wert 8,5 cm nach oben und 8,5 cm nach unten, erhält man den genetischen Zielgrößenbereich:

Genetischer Zielgrößenbereich = Genetische Zielgröße ± 8,5 cm

Wachsen Kinder zwi­schen der 3. und 97. Per­zen­ti­le, verläuft das Wachstum im sog. Normbereich. Je nach elterlicher Größe und dem genetischen Zielgrößenbereich kann ein Kind jedoch auch im unteren Normbereich bzw. knapp darunter wachsen, ohne dass dies zwangsläufig ein Hinweis auf eine krankhafte Ursache sein muss. Denn ein Kind klei­ner El­tern wird „von Natur aus“ eher klein sein.

Mit Hilfe dieses Wachstumsrechners könnt ihr die Zielgröße eures Kindes berechnen lassen und den Wachstumsverlauf beobachten.

 

Steuerung des Wachstums:

Bei der Steuerung der Wachstumsvorgänge spielen Botenstoffe (= Hormone) und Signalüberträger (= Rezeptoren) eine entscheidende Rolle. Dabei steuern bestimmte Regionen im Gehirn die Ausschüttung spezieller Hormone und kommunizieren über die Rezeptoren mit den Zellen des Zielgewebes (u.a. Muskeln, Knochen). Kommt es zu einer Störung innerhalb dieses komplexen Systems, weil z.B. zu wenig Hormon ausgeschüttet wird, der Rezeptor das Signal nicht richtig überträgt oder das Zielgewebe nicht darauf anspricht, kommt es zu einer Beeinträchtigung des Längenwachstums.

Dabei steuert eine relativ kleine Drüse in unserem Gehirn die Ausschüttung zahlreicher wichtiger Hormone: die sog. Hirnanhangdrüse (= Hypophyse). So klein sie im Vergleich zu anderen Hirnstrukturen auch ist, so groß ist doch ihr Einfluss auf die verschiedensten Stoffwechselprozesse in unserem Körper, unter anderem auch auf das Wachstum. Sie ist die Schaltzentrale unseres Hormonhaushaltes und steuert den empfindlichen Regelkreis zwischen der ihr übergeordneten Hirnstruktur, dem Hypothalamus, und den verschiedenen Drüsen und Gewebezellen. Dabei fungiert sie quasi als Vermittler zwischen dem Chef (Hypothalamus) und den ausführenden Mitarbeitern (Knochen, Muskeln, Organe, wie z.B. Schilddrüse u.a.) und beeinflusst somit nicht nur das Wachstum des Menschen, sondern auch zahlreiche andere Stoffwechselvorgänge.

 

Besondere Bedeutung des Wachstumshormons (= growth hormone, GH):

Beim Wachstum spielt das Wachstumshormon eine entscheidende Rolle. Unter dem Einfluss sog. Releasing-Hormone aus dem Hypothalamus wird die Hirnanhangdrüse zur Bildung und Ausschüttung von Wachstumshormon angeregt. Über das Blut gelangt das Wachstumshormon zu den Zielzellen. Dort bindet es an spezielle Signalüberträger (= Rezeptoren) -die ähnlich wie ein Schlüssel-Schloss-Prinzip funktionieren- und reguliert darüber zahlreiche Stoffwechselprozesse in den Zellen. Es stimuliert nicht nur das Wachstum der langen Röhrenknochen, sondern bewirkt in den Leberzellen auch die Produktion eines anderen Botenstoffes: dem insulinähnlichen Wachstumsfaktor I (insulin-like growth factor, IGF-I).

Darüber hat es Einfluss auf den Muskelaufbau und den Fettabbau und reguliert u.a. auch den Blutzuckerstoffwechsel. Die Regulation der Wachstumshormonausschüttung unterliegt einem Regelkreis, der von tageszeitlichen Veränderungen abhängt und auch durch Stress, körperliche Anstrengung und dem Schlaf beeinflusst wird. Übrigens hat das Wachstumshormon auch im Erwachsenenalter einen wichtigen Effekt auf zahlreiche Stoffwechselvorgänge. Neben dem Wachstumshormon beeinflussen auch andere Hormone das kindliche Wachstum (bspw. Schilddrüsen- und Sexualhormone).

 

Wachstumsfugen:

Die Wachstumsfuge stellt einen knorpeligen Spalt zwischen dem Ende eines Röhrenknochengelenkes (= Epiphyse; daher auch syn. Epiphysenfuge) und dem Knochenschaft dar. Von ihr geht im Kindes- und Jugendalter das Längenwachstum aus. Bei einem gesunden Kind / Jugendlichen verknöchert diese Fuge nach Abschluss des Längenwachstums zum Ende der Pubertät hin. Die Beurteilung der Fuge ist bei der Einschätzung des Wachstumsverlaufes wichtig. Verletzungen in diesem Bereich, z.B. infolge eines Unfalls, können zu einer Störung des Längenwachstums führen.

 

Regelmäßige Kontrolle des Längenwachstums im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen:

Da das Wachstum eines Kindes / Jugendlichen eng verknüpft ist mit seinem Gesundheitszustand, steht es unter regelmäßiger Kontrolle durch den behandelnden Arzt / die Ärztin. Bei der Beurteilung des Wachstums orientieren wir uns einerseits an medizinischen Referenzwerten (sog. Perzentilen) und andererseits an dem gesundheitlichen Zustand des Kindes und seinem individuellen Wachstumsverlauf.

 

Perzentilen:

Bei der Beurteilung des Wachstums spielen die sog. Perzentilenkurven eine wichtige Rolle. Der Begriff Perzentil kommt aus der medizinischen Statistik und heißt übersetzt „Hundertstelwerte“. Dabei gibt die 50. Perzentile in einer Vergleichsgruppe von 100 Kindern den mittleren Durchschnittswert an, während die 3. und die 97. Perzentile die untere und obere Randkurve darstellen. Wächst ein Kind entlang der 50. Perzentile, ist es quasi mitten in der „Norm“ gleichaltriger Kinder. Wächst es entlang der 3. Perzentile, sind lediglich 3% der gleichaltrigen Kinder kleiner als dieses Kind, während 97% größer sind. Auch wenn die Randkurven grundsätzlich noch im Normbereich liegen, ist der Unterschied zu Gleichaltrigen für die meisten Kinder und Familien deutlich wahrnehmbar und in vielen Fällen mit einem Leidensdruck verbunden.

 

Kind, welches an einer Messlatte seine Körpergröße markiert

 

Vorsorge-Untersuchungen:

Prävention ist ein wichtiger Teil der kinderärztlichen Arbeit und hat das Ziel, der Entstehung von Krankheiten vorzubeugen bzw. sie rechtzeitig zu erkennen und zu behandeln. Da das Wachstum u.a. vom allgemeinen Gesundheitszustand des Kindes abhängt, werden bei jeder Vorsorgeuntersuchung die Körpermaße des Kindes bestimmt, in die Perzentilenkurven eingetragen und im gelben Untersuchungsheft des Kindes dokumentiert. Außerdem besteht jede Vorsorge aus einer körperlichen Untersuchung des Kindes und einer gezielten Befragung der Eltern und/oder des Kindes.

 

Mögliche Hinweise für eine Wachstumsstörung:

Ergibt sich im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung ein Hinweis auf eine Wachstumsstörung, ist dies ein Grund für eine weiterführende Abklärung. Oftmals kommen besorgte Eltern und Kinder jedoch auch außerhalb der Vorsorgetermine in die Praxis, weil sie bzgl. des kindlichen Wachstums beunruhigt sind. Häufig fällt den Eltern z.B. auf, dass es längere Zeit die gleiche Kleidergröße trägt bzw. die Kleidung abgetragen ist, bevor das Kind aus ihr herausgewachsen ist. Auch die Beobachtung, dass ein Kind von einem jüngeren Geschwisterkind größenmäßig überholt wird, ist häufig. Leider kommt es bei Kindern oder Jugendlichen, die nicht der altersspezifischen „Norm“ entsprechen, häufig auch zu einer Ausgrenzung unter Gleichaltrigen.

 

Warum die frühzeitige Diagnose einer Wachstumsstörung wichtig ist:

Somit stellen Wachstumsstörungen einen häufigen Grund für eine Vorstellung beim Kinderarzt / bei der Kinderärztin dar. In vielen Fällen handelt es sich um vorübergehende Abweichungen von der Norm, die keiner speziellen Therapie, jedoch einer engen Begleitung des Patienten, bedürfen. Relevante Wachstumsstörungen können jedoch auch die Folge eines krankhaften Ablaufes im empfindlichen Prozess der Wachstumsregulation und/oder Ausdruck einer Grunderkrankung sein. Die Abklärung hat daher einen wichtigen Stellenwert. Nicht nur bezüglich der Diagnostik, sondern auch der Therapie. Denn je früher eine relevante Wachstumsstörung erkannt wird, desto mehr Zeit bleibt dem Kind, um ein bestehendes Wachs­tums­de­fi­zit auf­zuho­len. Zumal dies nur solange möglich ist, wie die Wachstumsfugen noch nicht verknöchert sind.

 

Vorgehen bei der Abklärung einer Wachstumsstörung:

 

Befragung zur Vorgeschichte und aktuellen Situation (= Anamnese):

Wenn ein Kind wegen eines auffälligen Wachstums beim Kinderarzt vorgestellt wird, steht am Anfang einer solchen Vorstellung zunächst einmal eine ausführliche Befragung des Kindes und/oder der Eltern. Dabei werden viele wichtige Punkte abgefragt, wie z.B. in welcher Schwangerschaftswoche das Kind geboren worden ist, welche Geburtsmaße es hatte, wie die bisherige Entwicklung verlaufen ist, wie die Essgewohnheiten aussehen, ob es Vorerkrankungen gegeben hat, ob aktuell Hinweise auf eine Erkrankung bestehen, ob es körperlich gut belastbar ist, tobt und spielt, wie Gleichaltrige, ab wann der Größenunterschied zu gleichaltrigen Kindern aufgefallen ist uvm.

 

Körperliche Untersuchung:

Bei der körperlichen Untersuchung steht neben einer genauen Bestimmung der Körpermaße (siehe unten) eine umfassende körperliche Untersuchung des Kindes im Vordergrund. Bei der Untersuchung wird das Kind von Kopf bis Fuß untersucht. Es wird nach Auffälligkeiten im Kopf-Hals-Rumpfbereich, der Wirbelsäule, dem Skelettsystem, der Haut und der Sexualorgane geschaut. Es wird die allgemeine und z.T. auch spezielle Funktion der Sinnesorgane überprüft, die unterschiedlichen Organsysteme untersucht und der Reflexstatus kontrolliert. Außerdem werden altersabhängig die Fein- und Grobmotorik, die Körperwahrnehmung, die Aufmerksamkeit, die Koordination, die emotionale und soziale Entwicklung, die Sprache und das Sprachverständnis sowie weitere altersabhängige Funktionen beurteilt.

Eine wichtige Bedeutung hat dabei auch der „Blick auf die Eltern“. Auch von ihnen werden die Körpermaße notiert. Darüber hinaus wird erfragt, wie der Wachstumsverlauf bei den Eltern war. Sofern sie es wissen, spielt z.B. eine Rolle, ob sie selbst früh oder eher spät gewachsen sind, wann der Beginn der Pubertät war und ob es familiär gehäuft auftretende Erkrankungen gibt. Und auch die Herkunft der Eltern bzw. familiäre Erkrankungen und/oder Auffälligkeiten sind bei der Abklärung wichtig.

 

Messung der Körperlänge:

Die Körperlänge von Säuglingen und Kleinkindern unter zwei Jahren wird im Liegen mit einem sog. Säuglingsmessbrett bestimmt. Die Körpergröße älterer Kinder wird im Stehen mit einer vertikalen Messskala, einem sog. Stadiometer, gemessen. Hierbei ist eine genaue Messung wichtig

Wenn ihr die Körperlänge eures Kindes zu Hause messen möchtet, solltet ihr einige Dinge beachten (siehe hier).

 

Zeichnung zur richtigen Bestimmung der Körperlänge

 

Körperproportionen:

Sowohl beim Kind als auch bei den Eltern bzw. Geschwisterkindern werden darüber hinaus die Proportionen der Körpermaße beurteilt. Dabei spielen z.B. die Werte der Sitzhöhe oder der Spannweite eine Rolle.

 

Beurteilung des individuellen Wachstumsverlaufes und der Wachstumsgeschwindigkeit:

Bei der Beurteilung des individuellen Wachstumsverlaufes eines Kindes haben Einzelwerte in der Regel nur eine sehr begrenzte Aussagekraft. Viel wichtiger ist die Wachstumskontrolle im Verlauf und ob das Kind beim Wachstum seiner persönlichen Perzentilenkurve folgt und in den genetisch vorgegebenen Zielgrößenbereich (siehe oben) hineinwächst. Sta­gniert ein Kind z.B. mit sei­nem Wachs­tum oder weicht langsam aber stetig von seiner ursprünglichen Wachs­tums­kur­ve ab, zeigt sich dies meist in Form eines Perzentilenwechsels oder eines Per­zen­ti­len­knicks. Eine gewisse Unregelmäßigkeit bzw. Abweichung ist in den ersten beiden Lebensjahren nicht ungewöhnlich. Anschließend sollte das Kind jedoch kontinuierlich ent­lang sei­ner Per­zen­ti­le in den genetischen Zielgrößenbereich wach­sen.

Bei der Beurteilung des Wachstums ist nicht nur die regelmäßige Messung der Körpergröße und die Beurteilung anhand der Perzentilenkurve wichtig ist, sondern auch die Wachstumsgeschwindigkeit. Diese sollte daher über das Jahr gemessen und beurteilt werden. Da sie u.a. von der Einwirkung der Sexualhormone abhängig ist, sollten auch die Pubertätsstadien regelmäßig kontrolliert und dokumentiert werden.

Wenn die Körperlänge des Kindes und /oder die Wachstumsgeschwindigkeit unterhalb der 3. Perzentile verläuft bzw. sich Hinweise auf eine verzögerte oder beschleunigte Pubertät ergeben, wird der Kinderarzt / die Kinderärztin eine weiterführende Diagnostik veranlassen.

 

Diagnostik:

Hierbei kann bspw. eine Blutentnahme wichtig sein, um die Funktion der Organe zu überprüfen und/oder eine genetische Abklärung zu veranlassen. Auch eine Stuhluntersuchung kann wichtige Hinweise, z.B. auf das Vorliegen einer Zöliakie oder einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung, liefern. Außerdem ist die Bestimmung des Knochenalters für die weitere Beurteilung wichtig. Dabei wird ein Röntgenbild der linken Hand angefertigt.

 

Röntgen linke Hand:

Das Röntgenbild der linken Hand (= Handradiogramm) dient zur Beurteilung des Knochenalters. Dieses spiegelt das bio­lo­gi­sche Al­ter des Kin­des wider und ent­spricht nicht im­mer dem chro­no­lo­gi­schen Al­ter. Es kann bei­spiels­wei­se verzögert oder beschleunigt sein und gibt damit Auskunft, wie lange ein weiteres Wachstum noch zu erwarten ist. Ab ei­nem bestimmten Alter kann mit Hilfe des Handradiogramms auch eine un­ge­fäh­re End­län­ge er­rech­net wer­den.

Wenn sich aufgrund der Untersuchungsergebnisse der Verdacht auf das Vorliegen einer Wachstumsstörung ergibt, sollte eine Überweisung zu einem pädiatrischen Endokrinologen oder in eine entsprechende Spezialambulanz erfolgen. Hier können weitere notwendige Untersuchungen, wie z.B. Stimulationstestungen, Bestimmung der nächtlichen GH-Sekretion und auch bildgebende Verfahren, besprochen und geplant werden.

 

Wachstumsstörungen:

Wachstumsstörungen können sich entweder als Kleinwuchs oder als Hochwuchs äußern. Beide Formen kommen mit einer Häufigkeit von ca. 3% vor und gehen meist mit einem Leidensdruck bei den betroffenen Kindern einher. Wobei es dabei geschlechtsspezifische Unterschiede gibt. Während der Leidensdruck bei Jungen v.a. bei einem Kleinwuchs auftritt, tritt er bei Mädchen meist bei einem bestehenden Hochwuchs auf. Diese Unterschiede sind u.a. durch gesellschaftliche „Standards“ geprägt und weisen in meinen Augen auf die Notwendigkeit für ein grundsätzliches Umdenken in unserer Gesellschaft hin.

 

Kleinwuchs:

In Deutschland sind etwa 100.000 Menschen kleinwüchsig (Quelle Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e.V. BKMF). Meist ist der Kleinwuchs Folge einer verminderten Wachstumsgeschwindigkeit oder einer verkürzten Wachstumsdauer. Eine Erkrankung liegt nur bei etwa 5 % der betroffenen Kinder / Jugendlichen vor.

Je nach Ursache des Kleinwuchses unterscheiden wir den primären vom sekundären Kleinwuchs.

 

Primärer Kleinwuchs:

Der primäre Kleinwuchs ist bedingt durch genetische bzw. vorgeburtliche Faktoren, die die Knochenentwicklung und den Knochenstoffwechsel beeinträchtigen. Dabei spielen genetische Defekte, wie z.B. Chromosomenstörungen, angeborene Stoffwechseldefekte, Skelettdysplasien und auch vorgeburtliche Störungen, die zu einer Unterversorgung des Kindes führen (= intrauterine Wachstumsstörung / small for gestational age (SGA) Baby, z.B. durch eine Plazentainsuffizienz, pränatale Infektionen, Alkohol- oder Nikotinkonsum während der Schwangerschaft) eine Rolle. Auch einige syndromale Erkrankungen, wie z.B. das Ullrich-Turner-Syndrom oder das Russell-Silver-Syndrom, gehen mit einem Kleinwuchs einher. Häufig, jedoch nicht immer, liegt die Körperlänge bereits bei der Geburt unterhalb der 3. Perzentile.

Eine häufige Form des primären Kleinwuchses stellt der familiäre Kleinwuchs dar.

Familiärer Kleinwuchs:

Hierbei führt die genetische Komponente zu einem Kleinwuchs innerhalb der Familie. Die Kinder haben meist schon sehr früh, spätestens ab dem Kindergartenalter, eine Körpergröße, die unter der 3. Perzentile liegt. Die Wachstumsgeschwindigkeit bleibt dabei normal, das Knochenalter ist altersentsprechend und die Kinder wachsen in ihren vorgegebenen Zielgrößenbereich.

 

Sekundärer Kleinwuchs:

Der sekundäre Kleinwuchs entsteht nicht als Folge einer Erkrankung des Knochenstoffwechsels, sondern als Folge einer anderen Erkrankung. Hierbei führen chronische Erkrankungen, wie z.B. Zöliakie oder Mukoviszidose, zu einem verminderten Längenwachstum. Chronische Erkrankungen anderer Organe (Herz, Niere etc.), einige Medikamente, Hirntumore oder eine Bestrahlung / Verletzung des Kopfes, können ebenfalls zu einem sekundären Kleinwuchs führen. Auch Stoffwechsel- oder Hormonerkrankungen, eine Mangelernährung und psychosoziale Problemen können einen sekundären Kleinwuchs verursachen.

Häufig ist der sekundäre Kleinwuchs konstitutioneller Art:

Konstitutionelle Verzögerung von Wachstum und Entwicklung (= KEV):

Hierbei handelt es sich um eine erbliche Variante des sekundären Kleinwuchses. Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen und zeigen bis zum üblichen Pubertätsalter ein normales Wachstum. Typischerweise fängt bei ihnen die Pubertät jedoch später an als bei gleichaltrigen Kinder. Dadurch tritt auch der pubertäre Wachstumsschub verzögert auf und führt zu einem vorübergehenden Kleinwuchs. Mit Beginn der Pubertät holen die Kinder das Wachstum auf und wachsen in den genetischen Zielgrößenbereich. Diese Form tritt familiär gehäuft auf, das heißt, dass ein oder beide Elternteile als Kinder in ihrer Entwicklung und dem Wachstum ebenfalls verzögert waren.

 

Die konstitutionelle Verzögerung von Wachstum und Entwicklung ist eine der häufigsten Wachstumsstörungen und macht, zusammen mit dem familiären Kleinwuchs, mehr als die Hälfte aller Kleinwuchsformen aus.

 

Kleinwuchs infolge eines Wachstumshormonmangels (= growth hormone deficiency, GHD):

Bei einigen Kindern ist die Ursache für einen Kleinwuchs ein angeborener oder erworbener Wachstumshormonmangel. In diesen Fällen ist die Ausschüttung des Wachstumshormons in der Hirnanhangdrüse vermindert. Der Wachstumshormonmangel kann dabei isoliert auftreten oder mit einem Ausfall anderer Hormone der Hirnanhangdrüse kombiniert sein. Entsprechend können die Symptome sehr unterschiedlich sein. Zu den angeborenen Ursachen eines isolierten Wachstumshormonmangels zählen z.B. bestimmte Fehlbildungen des ZNS. Erworbene Ursachen eines Wachstumshormonmangels können z.B. Infektionen des Gehirns, Hirntumore oder auch Geburtsverletzungen sein. Wenn keine Ursache für den Wachstumshormonmangel gefunden werden kann, sprechen wir von einem idiopathischen Wachstumshormonmangel. In allen Fällen ist eine ausführliche Diagnostik bei einem Spezialisten (Bereich pädiatrische Endokrinologie) erforderlich, der in Abhängigkeit der Ursache auch das weitere Vorgehen und eine entsprechende Therapie veranlassen wird. Mehr dazu erfahrt ihr hier.

 

Therapie:

Die Therapie des Kleinwuchses richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache. Bei einer bestehenden Grunderkrankung steht die Behandlung der Erkrankung im Vordergrund. Je früher sie diagnostiziert und behandelt wird, umso weniger wird der Wachstumsverlauf dadurch beeinträchtigt. Bei einer hormonellen Störung, wie z.B. einem Schilddrüsen- oder Wachstumshormonmangel, ist i.d.R. eine Hormonersatztherapie erforderlich. Auch hier ist eine frühzeitige Diagnose und Therapie wichtig, damit das Kind Zeit für ein Aufholwachstum hat.

 

Fazit:

Das kindliche Wachstum wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst und hängt vom gesundheitlichen Zustand des Kindes ab. Daher wird es im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen regelmäßig kontrolliert und im Verlauf beobachtet. Auch ihr selbst könnt natürlich regelmäßig die Körperlänge eures Kindes messen und die Größenzunahme im Verlauf beobachten. Wenn ihr euch Sorgen um das Wachstum eures Kindes macht, dann sprecht euren Kinderarzt / eure Kinderärztin darauf an. Bei Verdacht auf eine Wachstumsstörung wird er / sie gezielte Untersuchungen veranlassen. In den meisten Fällen ist keine spezielle Therapie erforderlich. Im Falle einer hormonell bedingten Wachstumsstörung ist jedoch ein rechtzeitiger Beginn einer Hormonersatztherapie durch einen pädiatrischen Endokrinologen wichtig.

 

Ein afrikanisches Sprichwort besagt: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Das gilt auch für das kindliche Wachstum. Mit einer gesunden und ausgewogenen Ernährung, körperlicher Bewegung, ausreichend Schlaf und einem liebevollen Umfeld schafft ihr jedoch wichtige Voraussetzungen, damit euer Kind in seinem Tempo und entsprechend seiner Veranlagung wachsen kann.

 

Danke:

Ich bedanke mich für die freundliche Zusammenarbeit mit der Firma Novo Nordisk.

 

Anmerkung:

Alle medizinischen Beiträge, die ich zu gesundheitlichen Themen auf meinem Blog verfasse, dienen ausschließlich der Information. Sie ersetzen in keiner Weise den Arztbesuch bei gesundheitlichen Beschwerden.

 

Bleibt gesund und munter,

eure

Snježi

 

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2 Comments

  1. Alexandra Hartweg
    7 months ago

    Liebe Snjezie! Vielen Dank für diesen ausführlichen und informativen Beitrag. Es war sehr interessant, die verschiedenen Einflüsse auf das Wachstum eines Kindes zu erfahren. Danke für deine toll aufbereiteten und gut Verständlichen Beiträge 🤩👌

    Reply
    1. die Kinderherztin
      7 months ago

      Vielen Dank für das liebe Feedback. Das freut mich sehr.
      Liebe Grüße und einen gesunden Wochenstart morgen.
      Snjezi

      Reply

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