Lehrer, die im Herzen bleiben

Lehrer kommen und gehen…

Das zumindest ist die Wahrnehmung, die viele Eltern haben, wenn sie sich die Fluktuation der Lehrkräfte in den Klassen ihrer Kinder anschauen. Lehrer kommen und gehen aus unterschiedlichsten Gründen. Manche, weil es ihnen zu viel wird und gerade jetzt, in Zeiten von “homeschooling”, wird Einigen von uns auch bewusst, warum das so ist. Denn Lehrer machen oftmals viel mehr als “nur” zu lehren. Und genau darüber möchte ich heute schreiben. Warum? Weil:

Lehrer kommen und gehen…

Manche gehen irgendwann für immer…

Und bleiben dennoch im Herzen ihrer Schüler!

Die Kindheit:

Der Start in meine Schulzeit war nicht der Einfachste. Ein halbes Jahr zuvor war ich zu meinen Eltern nach Deutschland gezogen. Zuvor hatte ich bei meinen Großeltern in Kroatien gelebt (siehe hier). Das war in der damaligen Zeit in den sog. “Gastarbeiterfamilien” nicht ungewöhnlich. Für mich und sicherlich für alle Beteiligten war dies jedoch keine einfache Situation, aber das soll heute nicht das Thema sein. Irgendwann wird es das. Irgendwann werde ich euch die Geschichte meiner Kindheit erzählen und damit auf fachliches Wissen und private Erfahrungen zu Themen, wie z.B. Resilienz, den Wurzeln im Leben und anderes, eingehen. Und natürlich auch, warum Bezugspersonen gerade vor einem solchen Hintergrund für Kinder so wichtig sind und man als erwachsener Mensch mit beiden Beinen im Leben stehen kann, auch wenn es viele Turbulenzen in der Kindheit gab.

Aber heute fangen wir in der Schulzeit an:

 

Meine Grundschulzeit:

Ich war “frisch” in Deutschland angekommen. Kam aus der einsamen und prachtvollen Natur im Norden Kroatiens (siehe hier) und landete bei meinen Eltern in Essen. Einer Großstadt im “Ruhrpott”, die ich in den folgenden Jahren lieben lernte. Ebenso, wie ich lernte, meine Eltern zu lieben. Denn die “kannte” ich bis dahin vor allem aus Urlaubszeiten. Und egal, wie sehr sie sich bemühten und egal, wie sehr ich ihnen heute dankbar dafür bin, dass sie mir eine Schulzeit in einem Land, wie Deutschland ermöglichten (denn ansonsten säße ich heute nicht hier und ich sitze gut hier). Einfach war es nicht…

Die Sehnsüchte eines “Schlüsselkindes”, oder auch ein “Landei in der Großstadt”:

Ich fand es sogar richtig schlimm. Ich hatte Sehnsucht… nach meinen Großeltern. Vor allem nach meiner Oma… Sehnsucht nach der Heimat… Und fand alles andere doof! Den Kindergarten, den ich kurz besucht hatte; ebenso, wie die Grundschule. Es war eine zweisprachige Schule und so sehr sie mich damals herausforderte; so sehr bin ich heute dankbar, dass ich sie besuchen durfte. Und dabei nicht nur Deutsch, sondern damals noch Serbokroatisch lernen durfte.

Damals jedoch war die Zeit für mich hart. Mein Schulweg war lang und begann mit einem Fußweg von 15 Minuten früh am Morgen. Darauf folgte eine 45 minütige Busfahrt zum Essener Hautbahnhof, häufig begleitet von Reiseübelkeit und anschließend noch ein weiterer Fußweg bis zur Schule. Das gleiche auf dem Nachhauseweg. Immer mit dem Schlüssel in der Tasche, da die Eltern im Schichtsystem arbeiteten und oft schon aus dem Haus waren, bevor man selbst losging bzw. noch nicht im Haus waren, wenn man selbst kam.

Freundliche Weggefährten:

Meine Eltern hatten mich anfangs einige Male zur Schule begleitet; anschließend bestritt ich den Weg alleine. Gelegentlich, vor allem im Winter, wenn es dunkel war, stand an der Bushaltestelle eine sehr nette Frau, die mich immer freundlich unter ihren Regenschirm einlud, wenn ich meinen vergessen hatte. Und die gelegentlich ihrer Tochter darüber berichtete. Vor allem immer dann, wenn sich die Tochter über ihren eigenen (kurzen) Schulweg “beklagte”. Dann berichtete sie ihr, dass es ein Mädchen in ihrem Alter gäbe, dass zu einer viel früheren Uhrzeit schon an der Bushaltestelle stünde. All dies erfuhr ich einige Jahre später von dem Mädchen und seiner Mutter selbst; denn genau dieses Mädchen wurde in der weiterführenden Schule meine beste Freundin 🙂

Zusatzfamilien:

Eine weitere Freundin und ihre Familie waren während der Grundschulzeit ebenfalls wichtig und prägend für mich. Sie lebten auf der gleichen Etage des Mehrfamilienhauses, in dem wir wohnten und weil ich (nach den ersten Jahren in der wunderbaren, jedoch recht einsamen Gegend in Kroatien) größtes Interesse an gleichaltrigen Kindern und noch mehr an Großfamilien hatte, wurde sie sehr wichtig für mich. Ich kann mich selbst nicht mehr daran erinnern, aber sie berichteten mir viele Jahre später, dass ich in kürzester Zeit Deutsch gelernt hätte und zeigten mir damit, wie schnell Kinder Sprachen (und anderes) lernen können, wenn sie spielerisch und durch ihr natürliches Interesse lernen (dürfen).

Diese Familie wurde meine Zusatzfamilie; häufig aß ich mit und bei ihnen zu Mittag; spielte mit meiner Freundin und beneidete sie um ihre Geschwister und ihre große Familie. Kurz vor Ende der vierten Klasse zogen wir um und ich musste nicht nur meine liebgewonnene Freundin und ihre Familie verlassen, sondern auch noch in eine andere Klasse wechseln. Dieser Wechsel, der wieder eine neue Eingewöhnung erforderte, fiel mir nicht leicht. Es äußerte sich u.a. in schlechter werdenden schulischen Leistungen. Dennoch wurde am Ende eine Empfehlung für ein Gymnasium ausgesprochen und trotz vieler Sorgen und Bedenken, ob diese Entscheidung die richtige sei, ging ab diesem Zeitpunkt meine Liebe zur Schule richtig los. Und zwar aus mehreren Gründen.

Meine Schulzeit auf der weiterführenden Schule:

1. Ich durfte mir die Schule aussuchen und entschied mich für ein Mädchengymnasium in der Nähe unserer neuen Wohnung. Ja, ich weiß… ich hab mich auch oft gefragt, warum… 😉 Aber zum damaligen Zeitpunkt steckte ich in einer Altersphase, in der ich Jungs… na ja, sagen wir mal… nicht so spannend fand ;))) Das änderte sich zwar irgendwann ein wenig 😉 Und scheinbar nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen anderen Mädchen aus unserer Klasse, die, sobald sich ein Junge auf das Schulgelände “verirrte” schier aus dem Häuschen waren. Aber das nur am Rande. Am Ende fand ich diese Phase meiner Schulzeit einfach nur großartig; auch wenn mir die Sicht- und Argumentationsweise von Jungen im schulischen Bereich, oftmals tatsächlich gefehlt hat.

2. Ich lernte die oben erwähnte Freundin und viele andere tolle Mädchen kennen; ich fühlte mich wohl und meine Leistungen besserten sich von Jahr zu Jahr, so dass ich am Ende mit einem recht guten Abi als eine der Besten meinen Abschluss machte. Und das sage ich nicht, um mich selbst zu “loben”, sondern weil ich euch ja berichtet hatte, wie wackelig die Gymnasialempfehlung damals für mich war.

Und weil ich damit zum eigentlichen Thema meines heutigen Beitrags kommen möchte; zu demjenigen, der aus meiner Sicht überhaupt erst die Basis geschaffen hat, dass ich diese Leistung zeigen konnte:

3. Zu Lehrern, bzw. zu einem ganz besonderen Lehrer:

Einem Lehrer, der nun leider für immer aus dieser Welt gegangen ist, der für mich aber viel mehr als nur ein Lehrer war. Ich hatte ihn hier schon einmal erwähnt. Und die Freude am Schreiben (und somit auch des Schreibens aus diesem Blog) habe ich unter anderem ihm zu verdanken. Und noch mehr, denn:

Von Lehrern, die mehr als nur Wissen lehren:

Er war ein Lehrer, der von Anfang an an mich geglaubt hat. Und zwar ganz unabhängig von meiner Geschichte. Der mir jedoch, je mehr er als mein späterer Klassenlehrer von meiner Geschichte erfuhr, Rückmeldungen dazu gab. Und zwar Rückmeldungen und Ansichten, die damals keinesfalls selbstverständlich für mich waren. Schließlich strotze ich als Teenager mit eben dieser Vorgeschichte nicht gerade vor Selbstbewusstsein. Ganz im Gegenteil. Und immer wieder bekam ich von meinem Lehrer, nicht nur die Rückmeldung, wie gut meine schulischen Leistungen waren, sondern wie besonders er sie, gerade unter dem Aspekt meiner Geschichte, auch aus menschlicher Sicht sah.

Diese Sätze hatten bei mir eine ganz bedeutsame Konsequenz: sie verwandelten meine vermeintliche Schwäche (die ich in dieser Zeit als solche empfand) in eine Stärke und motivierten mich so sehr, wie kaum etwas anderes.

  1. Er bemerkte meine Freude am Schreiben und erfreute sich an meinen Texten, auch wenn er als Deutschlehrer immer wieder meine berühmt-berüchtigten Schachtelsätze “kritisierte”. Sorry (auch an euch, denn), denn trotz aller Bemühungen und auch SEO zum Trotz, habe ich sie bis heute nicht ablegen können.
  2. Er lehrte mich als mein späterer Philosophie-Lehrer das philosophische Denken und bescherte mir damit eine Denkweise, die ich bis heute sehr schätze und liebe.
  3. Er “fütterte” mich in all den Jahren meiner Schulzeit mit so viel unterschiedlichem Wissen. Ich sog es wie ein Schwamm auf habe mir die Vielfalt auch im späteren Leben -als Zusatz zum fachspezifischen Lernen- oft gewünscht.
  4. Er begleitete mein Interesse an Sprachen und vor allem auch an der deutschen Sprache und schuf damit die Basis für Vieles, was in meinem Leben wichtig werden und bleiben sollte.
  5. Vor allem aber schuf er die Basis dafür, dass ich meine Schulzeit als wirklich schön in Erinnerung behalten sollte und habe.

Und auch wenn ich diesem Lehrer sehr dankbar für alles war, brach mein Kontakt zu ihm mit Beginn meines Studiums im Laufe der Zeit ab. Bis…

Von der Schülerin zur Mama mit schulpflichtigen Kindern:

Bis ich als Mama von zwei schulpflichtigen Jungs, das Schulsystem neu kennenlernte und sah, dass Schule und Lehrer, so wie alles im Leben, sehr unterschiedlich sind.

Ausschlaggebend für eine erneute Kontaktaufnahme zu meinem Lehrer war ein Ereignis, das einer unserer Söhne in der Grundschulzeit hatte. Eine Vertretungs-Lehrkraft hatte ihm einen dicken roten Punkt auf die Nase gemalt, damit er zukünftig an etwas denken sollte (was, weiß ich nicht mehr; lebensnotwendig war es zumindest nicht). Er kam empört nach Hause und, auch wenn ich ansonsten recht entspannt in Sachen der bis dahin angewendeten pädadgogischen Maßnahmen war, fand ich diese Aktion ziemlich daneben; selbst wenn sie in einem spielerisch-freundlichen Ablauf entstanden wäre (was sie nicht war; es war als Maßregelung gedacht und kam bei unserem Sohn auch als Solche an).

Wie auch immer. Wir redeten viel darüber und unter anderem auch darüber, wie toll Lehrer sein können und dass es sehr viele Menschen gibt, die das, was sie tun (egal, in welchem Bereich) lieben. Und dass ich genau so einen Lehrer hatte und ich ihm noch heute dankbar dafür bin. Unser Sohn lauschte gespannt und fragte, wie es dem Lehrer gehe und wo er lebt. Ich konnte die Frage nicht sicher beantworten.

Aber sie führte dazu, dass ich ganz spontan in meinem Adressbüchlein kramte und mein Sohn und ich gemeinsam seine Nummer wählten. Glücklicherweise hatte sie sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte nicht geändert. Und ich hörte die Stimme, die mir noch so gut im Gedächtnis geblieben war. Und damit begann eine neue Zeit in der ehemaligen Lehrer-Schüler-Beziehung.

Vom Lehrer zum väterlichen Freund:

Sie wurde zu einer Freundschaft und ich bin auch dafür extrem dankbar. Denn sie ermöglichte mir unter anderem, ihm meine Wertschätzung direkt zu sagen. Und zwar aus der Sicht einige Jahrzehnte nach meiner eigenen Schulzeit und als Mama von zwei Schulkindern. Er war immer ein bescheidener Mensch. Auf die erste Mail, in der ich darüber schrieb, antwortete: er bekäme beim Lesen des Textes rote Ohren. Viele Schriftwechsel und einige persönliche Treffen mit ihm und seiner Frau folgten und ich war froh, ihn auf diese Weise wieder in meinem Leben zu haben.

Nun ist das Leben, wie es ist. Es hält alles bereit. Freud und Leid. Und immer wieder auch den Tod. Das ist eine Tatsache, die für mich nicht nur in Zeiten der Corona-Pandemie, allgegenwärtig ist. Sie war und ist es schon immer.

Nun ist dieser Lehrer und väterliche Freund gegangen. Möge er in Frieden ruhen.

Diesen Beitrag möchte ich ihm widmen.

Und zusätzlich auch allen Lehrern und Wegbegleitern, die Kinder auffangen und ihnen auf ihrem Weg helfen. Mit Wissen. Mit Herz. Im besten Fall mit beidem!

Warum so persönlich?

Eins möchte ich am Ende dieses Beitrags noch erwähnen bzw. erläutern. Es gibt sicherlich viele Menschen, die sich fragen, warum ich als Ärztin in der Öffentlichkeit über so persönliche Dinge schreibe?! Es hat mich zwar selbst noch niemand direkt danach gefragt, aber ich gehe mal davon aus, dass die Frage nicht ganz unberechtigt wäre. Egal, ob unter Kollegen, Bekannten oder im Freundeskreis. Und dazu möchte ich Folgendes sagen: meine Geschichte gehört zu mir und zu meinem Leben. Sie gehört zu all meinen Charaktereigenschaften und Besonderheiten.

So, wie die Geschichte eines jeden Menschen unwiderruflich zu ihm gehört. Sie hat mich geprägt und mir zu einem ganz wunderbaren und glücklichen Leben verholfen. Und das war keinesfalls selbstverständlich. Es war nicht vorgegeben. Es war nicht klar, in welche Richtung es mich führen würde. Aber rückblickend ist eins für mich sehr klar: es braucht Menschen, die an Einen glauben. Zumindest dann, wenn man selbst nicht an sich glaubt.

Und das ist auch ein Grund, warum ich hier nicht “nur” als Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, sondern auch als die-kinderherztin schreibe. Denn mein Herz für Kinder und mein tiefes Verständnis für ihre Gefühle, Sorgen und Nöte liegt ganz maßgeblich auch an meiner eigenen Geschichte. Davon zumindest bin ich überzeugt. Das macht mich weder zu einem besseren noch zu einem schlechteren Menschen. Weder zu einer besseren noch zu einer schlechteren Ärztin. Es ist ganz ohne Wertung und macht mich einfach nur zu der Person, die ich bin. Eben zu mehr, als “nur” einer Ärztin, die hier ihr fachliches Wissen teilt.

Und somit möchte ich mit der Preisgabe von Teilen meiner persönlichen Geschichte am Ende nur eins: darüber schreiben, dass, egal, wie die Bedingungen auf deinem Weg sind:

Du bist für die Richtung zuständig. Für jeden einzelnen Schritt. Für viele Schritte, die nach vorne führen, aber auch für viele, die dich nach hinten werfen. Sieh sie als Chance. Korrigiere, wenn nötig, die Richtung. Nutze Wegbegleiter, die Dir helfen möchten. Lass Menschen Deinen Weg begleiten, die dich nach vorne begleiten und dir helfen, Steine aus dem Weg zu räumen. Behalte diese Menschen im Herzen, denn sie waren mehr als nur kurze Wegbegleiter.

 

Habt ihr solche wertvollen Wegbegleiter? Vielleicht teilt ihr sie mir in den Kommentaren mit. Aber viel wichtiger als das: teilt es denjenigen mit. Denn:

Danke sagen:

Sobald Du feststellst, dass es solche Menschen an Deiner Seite gibt oder gegeben habt: sag es ihnen, solange du die Möglichkeit dazu hast. Denn vielleicht ist genau dieser eine Satz derjenige, der dem Weg, den sie selbst gegangen sind, einen wahrhaft großen Sinn schenkt.

 

Bleibt gesund und munter und kommt gut durch die Zeit des homeschooling

 

Alles Liebe

eure

Snjezi

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